Genicanthus caudovittatus, der Rotmeer-Lyrakaiserfisch  

Bei den Seewasseraquarianern und in öffentlichen Schauaquarien sehr beliebt sind die aus den tropischen und subtropischen Meeren stammenden Kaiserfische.
 
Die meisten Vertreter dieser Korallenfische, dieser Begriff ist missverständlich, denn er bezeichnet, unabhängig von ihrer Verwandtschaft, alle Fischarten, die in unmittelbarer Nähe des Korallenriffes vorkommen, sind plakativ gefärbt, ein Merkmal, das nach Lorenz (1962) allen Fischen eigen ist, die besonders ungesellig und aggressiv gegenüber Artgenossen sind.
Die Familie Kaiserfische, Pomacanthidae, aus der Unterordnung Percoidei, Barschverwandte, gehört zur Ordnung Perciformes, Barschartige, und ist im Indopazifik mit etwa 65 und im Atlantik mit etwa neun Arten vertreten. Heute zählt man die Kaiserfische nicht mehr zu den Chaetodontidae, sondern stellt sie in eine eigene Familie, die Pomacanthidae. Da sie sich in einigen anatomischen Merkmalen deutlich von den Falterfischen unterscheiden, wurden sie bereits 1955 von L. B. Smith zu einer eigenen Familie erhoben. Im Roten Meer wurden sieben Arten aus fünf Gattungen festgestellt; Pomacanthus mit P. imperator, P. maculosus und P. asfur; Centropyge multispinis; Pygoplites diacanthus; Holacanthus xanthotis und Genicanthus caudovittatus.
 
Charakteristisch für diese kleinen bis mittelgroßen Meeresfische sind ihr hoher, stark zusammengedrückter Körper sowie das kleine, endständige und meist vorstülpbare Maul. Das untere Ende des Vorkiemendeckels (Praeoperculum) läuft nach hinten in einen kräftigen Stachel aus. Diese standorttreuen Fische sind in der Regel rauflustige Einzelgänger, die gelegentlich Paare bilden. Adulte Tiere und junge Exemplare sind vielfach völlig verschieden gefärbt, und zwar so verschieden, dass manche Ichthyologen die Jungtiere als besondere Art beschrieben. 
Die Lyrakaiserfische der Gattung Genicanthus sind mit den derzeit neun bekannten Arten über den indo-australischen Raum, einschließlich des Roten Meeres, verbreitet. Lyrakaiserfische leben unterhalb von 30 Metern Tiefe, und das dürfte auch die Ursache dafür sein, warum sie erst vor rund 15 Jahren importiert wurden. Aufgrund ihrer Lebensweise sind sie auch nur sehr schwierig im natürlichen Habitat zu beobachten. Die Genicanthus-Arten nehmen in ihrer Familie eine Sonderstellung ein, da sie, im Gegensatz zu den übrigen Kaiserfischen, einen ausgeprägten Sexualdimorphismus haben. 
Der Rotmeer-Lyrakaiserfisch, Genicanthus caudovittatus (Günther, 1860), lebt an den Küsten Ostafrikas: Rotes Meer einschließlich des Golfs von Akaba, Mauritius, Malindi (Kenia) und Pinda (Moçambique). Er bevorzugt die Bereiche beiderseits des Riffes ab einer Tiefe von bis zu 60 Metern. Ich konnte sein außergewöhnliches Verhalten im Golf von Akaba und vor allem im 'Underwater Observatory and Aquarium Eilat' sowie in der 'Marine Science Station Aqaba' studieren. Genicanthus caudovittatus, der Gattungsname kommt von genys (gr.) = Kinn und akanthos = Dorn, Stachel, der Artname bedeutet, mit gebänderter Schwanzflosse, wird bis 25 Zentimeter lang. Der Körper ist schmal und hochrückig. Die Körperhöhe ist in der Standardlänge 2 bis 2,25mal enthalten. Die Seitenlinie ist vollständig und rückenwärts ausgebogen. Rücken- und Bauchprofil sind ziemlich gleichmäßig gewölbt. Die Stirn steigt bogenförmig zum Dorsal-Ansatz an. Die Schwanzflosse ist halbmondförmig, die Flossenstrahlen sind stark verlängert. Der Schwanzstiel ist etwa so lang wie hoch. Beide Rückenflossen gehen ohne Ansatz ineinander über und enthalten 14 Hart- und 15 bis 19 Weichstrahlen. Die Brustflossen sind fächerförmig und transparent. Drei Hart- und 17 bis 19 Weichstrahlen weist die Afterflosse auf. Am Brustflossenrand befinden sich einige kurze Stacheln. Das im Verhältnis zu den anderen Kaiserfischen kleine Maul mit den relativ kurzen dreispitzigen Zähnen ist endständig. Gattungstypisch ist am unteren Bogen des Vorkiemendeckels ein Stachel ausgebildet. 
Wie schon erwähnt, unterscheiden sich die Geschlechter in Farbe und Zeichnung ganz erheblich, so dass sie lange Zeit als verschiedene Arten angesehen wurden. Die Grundfarbe der Weibchen ist ein blasses Lavendel-Grau, das zum Bauch hin heller wird. Die Ränder der Schuppen sind dunkler als ihr Zentrum. Ein breiter dunkler Balken erstreckt sich vom oberen Augenrand bis zum Rückenflossenansatz. Die sichelförmige Schwanzflosse ist schwarz gesäumt, wobei der obere schwarze Streifen schon in der Körpermitte unterhalb der Rückenflosse beginnt. Die übrigen Flossen sind zeichnungslos und bläulich-transparent.
 
Wesentlich kontrastreicher sind die Männchen. Ihre Grundfärbung ist bläulich-weiß. Davon heben sich, wie schon der deutsche Name andeutet, über 20 schwarze Querstreifen mit gelber Punktierung scharf ab. Sie bedecken die Kopfoberseite bis etwa zur Augenhöhe und reichen vom Rücken über die Flanken bis zur Bauchkante. Die Brust ziert ein bohnenförmiger schwarzer Fleck. In der Mitte der Rückenflosse liegt an der Basis ein großer, länglicher schwärzer Fleck. Die restlichen Hartstrahlen der Rückenflosse sind gelb, die Weichstrahlen bläulich mit gelber Sprenkelung. Der Weichstrahlenteil der Schwanz- und Afterflosse ist lichtblaugrau mit schmalen gelben Tupfen. Die langen Flossenlappen des schwalbenförmigen Schwanzes sind dunkel. Bauch- und Brustflossen sind bläulich-transparent, der Schwanzstiel erscheint orangefarben gesprenkelt. Junge Afrikanische Lyrakaiserfische haben nicht die typische Jugendzeichnung der übrigen Kaiserfischarten, sondern tragen das Farbkleid der Weibchen. 
In ihrem Lebensraum bilden korallenreiche Saumriffe, aber auch tiefere Fleckenriffe das Revierzentrum von G. caudovittatus. Während die kleineren Weibchen im Gruppenverband leben und auch das offene Wasser aufsuchen, sind die Männchen Einzelgänger, die sich mehr in Bodennähe aufhalten, aber die Weibchen eifersüchtig gegen andere Männchen der gleichen Art verteidigen. 
Genicanthus caudovittatus sind Planktonfresser. In den späten Nachmittagsstunden, wenn das Wasser besonders planktonreich ist, visieren sie, bis zu fünf Meter oberhalb des Riffdaches, größere schwebende Zooplanktonteilchen einzeln an und schnappen sie aus dem Wasser heraus. Bei Gefahr suchen sie blitzschnell im reich strukturierten Riff Schutz. Genicanthus caudovittatus sind, wie ihre übrigen Verwandten, Tagtiere, die sich nachts im Riff verbergen. Rotmeer-Lyrakaiserfische sind wendige und lebhafte Schwimmer, die viel Schwimmraum benötigen, sich jedoch von Zeit zu Zeit im Versteck ausruhen. 
Umfangreiche Langzeituntersuchungen, vor allem durch den amerikanischen Ichthyologen John Randall, haben ergeben, dass die Geschlechter nicht genetisch fixiert sind. Alle Genicanthus-Arten sind ebenso wie die Centropyge-Arten protogyne Hermaphroditen. Nach Thresher (1984) sind bei Centropyge lediglich die Gonaden anders ausgebildet. Während der Geschlechtsumwandlung wächst das sich stärker entwickelnde Hodengewebe in den frei werdenden Raum der degenerierenden Eierstöcke. Die Geschlechtsumwandlung wird durch das Fehlen eines dominierenden Männchens ausgelöst. Das stärkste Weibchen entwickelt sich dann zum Männchen. 
Während der hormonell gesteuerten Umgestaltung der Geschlechtsorgane werden, wie schon darauf hingewiesen, die paarigen Eierstöcke durch Hoden ersetzt und das männliche Farbkleid ausgebildet. Im Zuge der Geschlechtsumwandlung tritt auch eine Änderung des Verhaltens ein. Die 'jungen', aber noch nicht fortpflanzungsfähigen Männchen beginnen, Weibchen anzubalzen, und zeigen ein typisch männliches Revierverhalten. Für die Erhaltung der Art ist eine solche gezielte Geschlechtsumwandlung sehr vorteilhaft: Viele Weibchen bedeutet eine große Zahl an Nachkommen, Männchen aber entstehen nur nach Bedarf. 
Über das Fortpflanzungsverhalten ist bislang, nach dem jetzigen Wissensstand des Verfassers, nur wenig bekannt. Debelius (1980) beobachtete im Golf von Akaba ein Verhalten, das als Balz interpretiert wurde: Ein allein schwimmendes Männchen schoss plötzlich auf ein Weibchen zu, legte sich quer davor und zitterte heftig mit dem ganzen Körner. Dabei spreizte es die Flossen ab und schlug heftig mit der Schwanzflosse. Der Vorgang lief in Sekundenschnelle ab, denn meist vertrieben andere Weibchen des Gruppenverbandes den Eindringling. 
In der Aquariumhaltung eignen sich Rotmeer-Lyrakaiserfische aufgrund ihrer Nahrungsgewohnheiten und ihrer geringen Größe ausgezeichnet für die Vergesellschaftung mit Korallentieren. 

Hans Esterbauer, 01.10.2005