Oxycirrhites typus - der langschnäutzige Korallenwächter

 

Die Familie der Büschelbarsche oder Korallenwächter, Cirrhitae, die sich in derzeit 34 Arten aus neun Gattungen gliedert, gehört zur Unterordnung Percoidei, Barschverwandte, Ordnung Perciformes, Barschartige.

Bis auf die Art Amblycirrhitus earnshawi, die bei Ascension im Atlantik vorkommt, leben alle Cirrhitae im Indopazifik sowie in der Karibik und in den Küstengewässern Westafrikas. Die monotypische Gattung Oxycirrhites, die sich von den übrigen Korallenwächtern in der Körperform erheblich unterscheidet, soll hier näher besprochen werden. 
Der Langschnäuzige Korallenwächter, Oxycirrhites typus (Bleeker, 1857) , der Gattungsnamen kommt von oxys = scharf, spitz und Cirrhites = 'der Fransige'; der Artname bezieht sich darauf, dass es sich um die Typusart der Gattung handelt, wird 13 Zentimeter lang. Sein Körper ist auffallend gestreckt und endet in einer extrem langen, pinzettenartig verlängerten Schnauze. Die unteren fünf oder sechs Brustflossenstrahlen sind verlängert und verdickt. Die weißliche Körpergrundfärbung wird durch horizontale und vertikale rote Streifen netzartig überzogen und verleiht dem Fisch in seiner natürlichen Umgebung eine perfekte Tarnung. Er ist im natürlichen Biotop stark an Schwarzkorallen (Anthipathharia) und verzweigte Hornkorallen (Gorgonacea) gebunden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Büschelbarschen weist der Langschnäuzige Korallenwächter deutliche Geschlechtsunterschiede auf: Die Männchen sind etwas kleiner als die Weibchen und besitzen einen dunkleren, schwach rötlichen Kiefer sowie einen schwarzen Saum in der After- und den Brustflossen. Seine Nahrung besteht vor allem aus kleinen Krebsartigen und Fischlarven. 
Das Verbreitungsgebiet dieser kleinen Räuber reicht vom Roten Meer über den Indopazifik bis zum östlichen Pazifik. Der Langschnäuzige Korallenwächter sitzt, abgestützt auf seine Brustflossen, stets gut getarnt und reglos auf einem weit in das freie Wasser ragenden Korallenast, von dem aus er die nähere Umgebung seines Reviers mit 'rollenden' Augen gut beobachten kann, wie ein 'Wachposten'. Von diesem Verhalten leitet sich auch sein Populärname, 'Korallenwächter', ab. Nähert sich ein vermeintlicher oder tatsächlicher Feind, flieht er flink auf die andere Seite seines Anstandes. Das geschieht lange, bevor er sich entdecken lässt. 
Oxycirrhites typus ist ein Bewohner des Benthos, der sich vor allem in Korallenriffen in Tiefen von 10 bis etwa 40 Metern aufhält. Da sich seine Schwimmblase, wie bei vielen substratgebunden lebenden Fischen auch, zurückgebildet hat, ist er kein ausdauernder Schwimmer, und man sieht ihn gewöhnlich auch nicht im freien Wasser. Er verlässt seinen Aussichtspunkt nur, um zu fliehen, Rivalen zu attackieren oder um neue Nahrungsgründe aufzusuchen und bewegt sich dabei mit einem flossengetriebenen, kurzen Vorwärtsschnellen flink und geschickt von einem Korallenstock zum anderen. Diese zickzackförmigen Schwimmbewegungen werden durch kurze Ruhepausen unterbrochen. Seiner Nahrung, die vor allem aus verschiedenen kleinen Krebsartigen und vorbeitreibenden Fischlarven besteht, lauert er auf seinem Aussichtsplatz auf. Nähert sich ein potentielles Opfer seinem Ansitz, stürzt er sich blitzschnell darauf, um es zu ergreifen und zu verzehren. Dieses Verhalten brachte ihm und seinen Familienangehörigen im englischen Sprachraum den Namen 'Hawkfishes' ('Habicht'- oder 'Falkenfisch') ein. 

Fortpflanzung 

Über das Fortpflanzungsverhalten der Korallenwächter weiß man noch relativ wenig. Sie sollen in einer Art Haremstruktur leben, wobei ein dominantes Männchen von zwei bis acht Weibchen umgeben ist. Nach Mills (1991) setzen die Büschelbarschweibchen ihre Eier auf eine feste Unterlage ab, bevor sie vom Männchen besamt werden. Das Weibchen von Oxy¬cirrhites typus soll seinen klebrigen Laich nach dem Einsetzen der Dämmerung auf mehrere Portionen verteilen, die vom Männchen unverzüglich besamt werden. Ich selbst konnte weder in der freien Natur noch in Aquarien das Balz- und Laichverhalten der Langschnäuzigen Ko¬rallenwächter beobachten. 

Aquarienhaltung 

Grundvoraussetzung für die optimale Aquarienhaltung ist die richtige Ernährung. Langschnäuzige Korallenwächter fressen auch im Aquarium gerne Lebendfutter, wie Garnelen und andere Kleinkrebse, nehmen aber alsbald auch Ersatznahrung, wie Mückenlarven, Grindal¬würmchen, Enchyträen sowie Trockenfutter-Tabletten und Frostfutter. In jedem Fall müssen wir ihnen eine möglichst abwechslungsreiche und vielseitige Futterpalette anbieten, um einer allzu einseitigen und damit mangelhaften Ernährung vorzubeugen. Gelegentliche Vitaminzugabe stärkt die Widerstandskraft der Fische gegen Krankheiten. Aber nicht nur auf die Futterauswahl, sondern auch auf die Form der Verabreichung und der Dosierung kommt es an, da diese Fische in dicht besetzten, kleineren Aquarien bald unter Futterkonkurrenz leiden würden, wenn man sie nicht gezielt versorgt. Langschnäuzige Korallenwächter, die praktisch den ganzen Tag nach Futter suchen, müssen mehrmals täglich mit kleinen Portionen versorgt werden. Leichter Hunger ist allerdings ein biologischer Normalzustand, da Futter im natürlichen Biotop knapp ist.
Die Wasserqualität jedes Aquariums muss sich nach den Ansprüchen seines empfindlichsten Beckenbewohners richten. Die Wassertemperatur sollte, gemäß der Heimat der Langschnäuzigen Korallenwächter, am besten zwischen 24 und 26° C liegen. Als Dichte empfiehlt sich 1,022 - 1,023 Gramm pro Milliliter bei einem pH-Wert von 8,3 - 8,4. Bei regelmäßigem wöchentlichem Wasserwechsel, wobei je nach Besatz zwischen 10 - 15 Prozent des Wassers ausgetauscht werden, begegnet man auch wirksam der Spurenelementenauszehrung durch den Eiweißabschäumer. Zum Imitieren der Gezeiten können an den Stirnseiten des Aquariums gegenüberliegende Strömungspumpen angebracht werden. Sie werden mit Hilfe von Schaltuhren in sechsstündigen Intervallen wechselseitig gesteuert und sorgen für eine starke Wasserbewegung bzw. für die Vermischung unterschiedlich warmer Wasserschichten. Wichtig ist auch, dass die Aquarienabdeckung dicht sitzt, da Langschnäuzige Korallenwächter sonst aus dem Aquarium springen können. 
Für die Beleuchtung haben sich HQI-Strahler gut bewährt; der Beleuchtungszeitraum sollte täglich etwa elf Stunden dauern. Zusätzlich empfiehlt sich eine je einstündige Vor- und Nachbeleuchtungsphase mit Blaulichtröhren. Die HQI-Strahler sollten nach spätestens einem Jahr gewechselt werden, da sich mit der Zeit ihr Lichtspektrum verändert. Die Filteranlage muss in ihrer Kapazität den zu erwartenden Belastungen gewachsen sein, wobei das Volumen des Aquariums und der angestrebte Besatz die Ausgangsgrößen der Beurteilung bilden. Vom System her ist eine Kombination aus biologischen und mechanisch-physikalischen Filtern empfehlenswert, wobei die Rückführung des belasteten Aquarienwassers in den filtertechnischen Bereich über eine Oberflächenabziehung erfolgen sollte. Zentrale Bedeutung kommt auch dem Eiweißabschäumer zu, der einer zu großen Wasserbelastung, die durch das Füttern entstehen könnte, entgegenwirkt. 
Die Einrichtung des Meerwasseraquariums sollte nicht nur dem Betrachter gefallen. Langschnäuzige-Korallenwächter nehmen im Aquarium gerne Sarcophyton oder andere Weichkorallen an, brauchen aber zusätzlich einen Korallenblock oder zerklüftete Steine als ständigen Ansitz und ausreichend Versteckmöglichkeiten. Einbauen kann man alles in die Rückwand, die mit Hilfe so genannter 'lebender' Steine aus dem Meer und aus totem Gestein errichtet werden kann. Werden keine ausgesprochenen Bodentiere gepflegt, sollte der Bodengrund möglichst dünn gehalten werden. Als Substrat hat sich ein Gemisch aus Korallensand und fein zerriebenen Muschelschalen mit einer Korngröße von zwei bis drei Millimetern bewährt. Für die Bepflanzung eignen sich vor allem verschiedene Kriechspross- oder Blattpflanzenalgen aus der Gattung Caulerpa. 
Langschnäuzige-Korallenwächter sind gegenüber anderen Beckenbewohnern, mit Ausnah¬men von kleinen Fischen und Krebsartigen, die sie als Beute ansehen, friedlich, da sie aufgrund ihres kleinen Maules kaum größeren Tieren gefährlich werden können. Im Aquarium kann man sie auch in einer kleinen Gruppe pflegen und gefahrlos mit Fischen, die größer sind als sie selbst, und Wirbellosen vergesellschaften. Beim Einkauf ist darauf zu achten, dass die Tiere gut genährt sind. Hungertiere mit eingefallenen Flanken und zu große Fische überstehen die Umstellung in ein neues Milieu unter Umständen nicht. Außerdem dürfen die Fische keinerlei Verletzungen aufweisen, denn selbst eine geringfügige Beschädigung des Schuppenkleides kann zu Entzündungen und in Gefangenschaft meistens recht schnell zum Tode des Fisches führen. Langschnäuzige-Korallenwächter werden in kürzester Zeit handzahm und nehmen die angebotene Nahrung bereitwillig von einer Pinzette oder aus den Fingern des Pflegers an. 

Hans Esterbauer, 26.02.2004